Florian L. ARNOLD: Zeichnungen

Columbus der Länder Fabulistan und Absurdistan – der Zeichner und Schriftsteller Florian L. Arnold

Von Eduard Ohm, Neu-Ulm

Die Zeichenfeder, der Stichel, den der Künstler für die Radierung braucht, als Raubritterspieß: eine delikate Vorstellung. Daß die Feder tatsächlich eine gefährliche Waffe sein kann, steht zum Beispiel in einem Essay von Baudelaire, der am 1. Oktober 1857 in der Zeitschrift Le Présent mit der Überschrift „Quelques caricaturistes francais“ erschien, nachzulesen. Baudelaire errichtete in seinem Aufsatz allen Karikaturisten aus der Zeit der Julimonarchie ein Denkmal, insgesamt zehn Künstlern – unter ihnen Honoré Daumier und der 1803, im selben Jahr wie Hector Berlioz, Adrian Ludwig Richter und Gottfried Semper geborene Grandville, beide Herz und Flamme im grimmigen Kampf gegen die Regierung und vor allem gegen den König.

Aber das nur in Klammer und flugs zu Grandvilles Zeichenexperimenten mit gekrümmten Spiegeln. Das Resultat waren anamorphotisch verzerrte Gesichter, die manchmal bis zur Unkenntlichkeit in die Länge gezogen sind und vom Betrachter teilweise mühsam dechiffriert werden müssen. Den Effekt der Spiegelverzerrung entdeckt man auch auf einigen Arbeiten von Florian L. Arnold, oft noch unterstützt durch senkrechte Parallelschraffuren. Die anormale Längung vermag eine unheimliche Wirkung hervorzurufen. Spricht aus den Gesichtern blankes Entsetzen? Ist der Abgebildete Zeuge einer furchtbaren Begebenheit? Erschrickt er über seine grauenhafte Verwandlung? Oder ist die Verzerrung einfach ein zeichnerisches Mittel, den (oder: die) Dargestellte dem Spott, der Lächerlichkeit preiszugeben?
Die Verklärung des Alltäglichen und die Erklärung des Außergewöhnlichen – das wäre e i n möglicher Slogan, der die Arbeiten Arnolds kennzeichnet.
Eine seiner Ausstellungen hatte den programmatischen Titel „Luftschloss“: das Luftschloss als Standpunkt und Ort, an dem er, in Assoziationen ausschweifend, die Welt als Pandämonium, als Erscheinungsort aller möglichen Geister, nachstellt und vorstellt.

Sich einzulassen auf diese Bildwelt, heißt: sich gefasst machen auf einen munteren Sprühregen an Einfällen, wie man sie – Sie erinnern sich an meine Einleitung – auf formlos brodelnden Bildern abstrakter Maler eben nicht finden kann. Da gibt es zum Beispiel die melancholische Geschichte der „velozipedalen Entführung der Harfe Ravels“, einen „Landvermesser in Nöten“, eine „Insel der Heiligen“ oder einen „Turm von Babylon“. Oder schauen Sie einmal genau das Bild Eisvogel an, auf dem sich die stilisierte Buchstabenfolge e g o = natürlich Ego entbirgt – eine Art Psychoanalyse mit der Tuschfeder, die zeichnerische Erkundung der Abgründe des Unbewußten.

Mit Hintersinn und Ironie ist die Chronik der laufenden Ereignisse kommentiert: die Gentechnik gebiert anthropomorphe Maschinen, ein Gehirn fährt auf einem Dreiradl spazieren.

Skurrile Notizen vom bevorstehenden Weltuntergang, die in uns die Ahnung dämmern läßt, daß auch wir untergehen.

Mit feinen Schraffuren, bestehend aus Linien als Spiel von Kraftwellen, hier sich häufend, dort sich mindernd: Ebbe und Flut, aus dem Einfachsten in das Vielfältigste hinaustreibend, aus dem Stillen und Starren in die Regelwidrigkeit, in die bizarre Wildnis, schafft der Tuschzeichner Arnold fantastische Traumbilder von Wirklichkeit, wie sie vor einigen Dezennien in unglaublich hochkarätiger, heute leider vergessener Qualität aus den Ateliers der beiden miteinander befreundeten österreichischen Künstler Alfred Kubin und Fritz von Herzmanovsky-Orlando kamen. Ist Kubin der Gründer der Traumstadt Perle, Herzmanovsky –Orlando der Erfinder von Tarockanien, so ist Arnold der Columbus der Länder Fabulistan und Absurdistan.

Auf seinen Zeichnungen funkelt weniger der Abglanz einer versunkenen Welt, sondern mehr das Groteske und Visionäre, stets eingespannt in die Dialektik zwischen Gegenwart und Vergangenheit, garniert mit dem scharfen Pfeffer intelligenter Spottlust, wie sie auch – eine Art lachende Grimasse – Eingang in sein literarisches Schaffen fand.

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